Blog

DSC08239_bearb

DBU-Generalsekretär Heinrich Bottermann: „Wer den Klimawandel leugnet, der lügt“

  |   Allgemein

 

Von Frieda Doornbos

Mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) sitzt eine wichtige Organisation für den Umweltschutz in Osnabrück. Generalsekretär Dr. Heinrich Bottermann (61) spricht im Interview über Osnabrück, den Klimawandel und seine Auswirkungen.

 

Herr Bottermann, wie kommen Sie zur Arbeit?

Fahrrad, Fuß, Auto. Ich fahre so, wie es gerade passt. Zurzeit lebe ich ein ganzes Stück von meinem Arbeitsplatz entfernt, aber ich ziehe bald in die Nähe. Das bedeutet mir sehr viel.

 

Leben Sie lieber in der Stadt oder auf dem Land?

Ursprünglich komme ich vom Niederrhein und zwar vom Land. Weil es mir wichtig ist, schnell ins Grüne fahren zu können aber trotzdem ein wenig zentraler zu sein, bevorzuge ich eine Stadt wie Osnabrück.

 

Die Stadt Osnabrück hat mit anderen Organisationen einen Schülerwettbewerb „Klimastadt Osnabrück“ gestartet. Was zeichnet Ihrer Meinung nach eine Klimastadt aus? Ist Osnabrück eine Klimastadt?

Osnabrück ist eine sehr offene Stadt. Klima- und Umweltschutz werden hier sehr ernst genommen. Es wird nicht nur geredet. Viele Menschen gehen den Klimaschutz auch wirklich praktisch an.

 

Dennoch hört man immer wieder von zu hohen Stickstoffdioxid-Werten in Osnabrück.

Wie in vielen anderen Städten auch, haben wir in Osnabrück ein Problem mit Stickstoffdioxid. Das Ziel in nächster Zeit ist, diesen Wert zu verringern. Dafür müssen wir auf jeden Fall weg kommen von Dieselmotoren. Durch Dieselfahrzeuge entsteht sehr viel Sickstoffdioxid. Und es ist sehr wichtig, dass unsere Fahrzeugtechnologien verändert werden. Es gibt Autos, die schon selber einparken können aber umweltfreundlich sind sie nicht. Wir brauchen mehr Elektrofahrzeuge und auch Erdgasmotoren bieten eine Lösung. Das sind große Aufgaben für eine Stadt wie Osnabrück – genauso wie für das ganze Bundesgebiet. Man muss allerdings auch sagen, dass der Stickstoffdioxid-Wert, da Osnabrück eine ländlichere Stadt ist, bis auf einige Kernbereiche gar nicht all zu hoch ist. Das ist nicht vergleichbar mit den Werten in Ballungszentren wie dem Rheinruhrgebiet. Man kann in Osnabrück noch gut leben.

Wo lebt man überhaupt umweltfreundlicher, in der Stadt oder auf dem Land?

 

Da spricht sehr viel für die Stadt. Zum einen, die Nähe zum Arbeitsplatz und die Infrastruktur. Zum anderen lebt man in der Stadt verdichteter. Energetisch ist das Mehrfamilienhaus die bessere Lösung als das Einfamilienhaus. Im ländlichen Bereich habe ich eine höhere Mobilität und lebe oft in Einzelhäusern, die einfach einen höheren Unterhalt haben. Unter energetischen Punkten ist der Ansatz des Stadtlebens also besser.

 

Allerdings ist das Wachsen der Städte, die steigende Menge der verbauten Flächen, ja auch immer wieder Thema. Inwiefern kann das Folgen für uns haben?

Flächenverlust ist ein großes Problem. Flächen werden versiegelt, indem Straßen, Neubau- oder Industriegebiete gebaut werden. So schön es auch ist, dass wir überall in Siedlungen leben können, langfristig wird das noch viele die Umwelt beeinträchtigende Folgen haben. In Deutschland werden täglich rund 75 Hektar Land zugebaut und das, obwohl die Pflanzen unsere Luft wieder reinigen und Sauerstoff produzieren können. Zudem kann der Boden so seine Reinigungsfunktion fürs Wasser nicht mehr wahrnehmen. Der Regen bringt Schadstoffe in den Boden und wenn da keine Erde mehr ist, dann kann unser Grundwasser nicht mehr gereinigt werden. Es geht also immer mehr natürliche Fläche „über den Jordan“, die dann ihre natürlichen Funktionen nicht mehr erfüllen kann.

 

Man hört ja immer von den großen Folgen des Klimawandels, der Meeresspiegel steigt, die Erde erwärmt sich. Aber kann ich den Klimawandel jetzt überhaupt schon selber wahrnehmen?

Den Klimawandel merkt man eindeutig jetzt schon. Zum einen hat sich die Vegetationsperiode verlängert. Es wird im Frühling früher grün. Zum anderen gibt es immer mehr Starkregenereignisse. Dass es so plötzlich und stark regnet, das gab es früher so gut wie gar nicht. Das sind die Auswirkunken hier. Aber man muss immer die ganze Welt im Blick haben. Wir leben hier in Deutschland und haben es sehr gut. Schaut man sich aber mal manche Gebiete in Afrika an, sieht das ganz anders aus. Da sind die Folgen des Klimawandels schon sehr viel deutlicher zu spüren. Ein Beispiel ist die große Hungersnot  in Kenia, Äthiopien und Somalia, die wurde vom Klimawandel ausgelöst. An den Wetterextremen sterben Menschen. Und dass sich diese Menschen in ein Boot setzen und versuchen hier her zu kommen, das kann ich ihnen nicht verdenken. Wir müssen uns bemühen, den Klimawandel zu begrenzen. Wir müssen aber auch die Folgen, die an anderen Stellen bereits entstanden sind, mit beachten. Wir müssen versuchen, den Menschen dort bessere Lebenschancen und bessere Möglichkeiten zu geben, um damit umgehen zu können. Es ist sehr wichtig, dass wir das im Blick haben und uns unserer Verantwortung in der Hinsicht stellen. Wir können hier nicht leben wie Gott in Frankreich und alles in die Luft pusten und dann sagen, die da in Afrika haben das Problem und das ist deren Problem. Das geht nicht.

 

Und wie wird sich das Klima hier im Laufe meines Lebens noch verändern?

Wir können das mal für 2050 sagen. Wir rechnen damit, dass sich der Temperaturanstieg auf zwei Grad beschränkt. Es wird mehr und heftiger regnen. Die Zahl der Gewitter und Stürme wird stark steigen. Darüber, wie die Winter werden, ist man sich noch nicht so ganz einig. Die Mehrheit der Forscher ist der Meinung, dass die Winter wärmer werden. Es gibt aber auch die Überlegung, dass die Winter kälter werden. Das könnte an dem vielen geschmolzenen Polareis liegen. Die große Menge an Wasser könnte dafür sorgen, dass der Golfstrom geringer wird und das würde für eine neue, kalte Klimaströmung aus dem Norden sorgen. Ich werde vieles wahrscheinlich nicht mehr erleben, aber du kannst mir ja vielleicht irgendwann eine Nachricht zu der Wolke schicken, auf der ich sitze, und mir sagen, ob meine Prognose gestimmt hat. (lacht)

 

Was kann ich gegen den Klimawandel machen?

Authentisch sein. Nicht nur drüber reden, sondern handeln. Dinge wie Stromsparen, Verpackungen vermeiden, sind die Sachen, die man machen kann. Das heißt, wenn man Lebensmittel einkauft, entscheidet man sich nicht für das billigere Angebot, weil man ja Geld für den dritten Flug in den Urlaub in diesem Jahr sparen muss, sondern nimmt einfach mal regionale Produkte, auch wenn sie etwas teurer sind. Ich denke immer, wenn ich so niedrige Preise sehe, das kann doch nicht passen. Das ist allerdings auch eine soziale Frage. Für einen Studenten oder jemand, der sehr wenig verdient, zählt das nicht. Aber als Normalverdiener darf ich so ein Preis-Dumping nicht unterstützen. Das ist das, was man selber machen kann. Verantwortlich leben und bewusst mit Ressourcen und Rohstoffen umgehen. Und damit ein Vorbild sein und vielleicht auch andere davon überzeugen, dass man auch anders leben kann.

 

Und was wird im Großen, in Deutschland und in der Welt gegen den Klimawandel gemacht?

Wichtig ist, dass man versucht, weg von der Kohleverbrennung zu kommen. Das belastet das Klima sehr stark. Das für Strom zu verbrennen geht gar nicht mehr. Da sind wir in Deutschland, Gott sei Dank, sehr gut vorangeschritten, bei der Kohleverbrennung steigen wir ganz aus. Es wird außerdem versucht, Strom regenerativ zu gewinnen, beispielsweise mit erneuerbarem Erdgas. Ganz wichtig ist auch die Energiewende. Veränderungen in der Mobilität, weg vom Verbrennungsmotor klassischer Art zur Elektromobilität. Wobei es, bis die wirklich großflächig eingesetzt werden wird, wahrscheinlich noch lange dauert.

 

Was sind die Schwerpunkte der DBU beim Umweltschutz?

Auf der einen Seite sind wir intensiv dabei, technischen Fortschritt zu betreiben. Technischer Fortschritt hat eigentlich immer zum Ziel Energie- und Rohstoffverbrauch zu verringern. Dann ist bei uns Landwirtschaft und Ernährung ein großes Thema. Einfach weil, auch wenn man sich das bei Landwirtschaft erst einmal nicht denkt, beides für jeden zum Tagesgeschäft gehört. Ich halte sehr viel davon, diese Lebensgrundlagen ernst zu nehmen und zu berücksichtigen, wie Lebensmittel und Futtermittel produziert und Tiere gehalten werden. Als drittes haben wir den großen Bereich Naturschutz. Insgesamt gibt es in Deutschland 70 Flächen des Nationalen Naturerbes mit insgesamt 69.000 Hektar, in denen wir aktiv Naturschutz betreiben. Wir wollen uns dem Verlust der biologischen Vielfalt, also dem Verringern der Anzahl der vielen Pflanzen- und Tierarten, entgegenstellen. Das schaffen wir, indem wir Flächen schützen, in denen sich die Natur ungehindert entwickeln und ansiedeln kann. Das schaffen wir, indem wir Flächen schützen, in denen die Natur sich ungehindert entwickeln und ansiedeln kann. Verbunden mit diesen Flächen betreiben wir Umweltbildung, so dass Menschen lernen können, wie Naturschutz funktioniert.

 

Ich kenne ganz viele, die sich einfach nicht für den Klimawandel interessieren. Wie kann man Leute davon überzeugen, dass das ein ernstes Thema ist?

Solchen Menschen muss man klarmachen, dass dieses sehr behütete Leben, was wir ja insgesamt heute führen, hier in Deutschland und in Europa, eigentlich nur dadurch besteht, dass das Klima über tausende, zehntausende von Jahren immer weitgehend stabil war. Wenn jetzt aber in den nächsten Jahren diese extremen Wetterereignisse kommen, dann ist das Leben nicht mehr so prickelnd, dann kann es bei uns unter Umständen so kommen wie zurzeit in Afrika. Ernteausfälle oder Umweltschäden hätten wir beispielsweise vielleicht nicht, weil es so heiß wird, sondern wegen großer Überschwemmungen. Ich kann diesen Leuten nur empfehlen, guckt über den Tellerrand, lest und glaubt nicht den Unsinn, den irgendwelche Ignoranten erzählen, die den Klimawandel leugnen.

 

Und was kann man gegen Menschen wie Donald Trump machen, die behaupten den Klimawandel gäbe es überhaupt nicht?

Was wir gegen diese Art und Weise von Problemen machen, ist,sie einfach offen benennen. Wer den Klimawandel leugnet, der lügt. Und das ist unverantwortlich gegenüber anderen Menschen. Die wiegen sich so in einer scheinbaren Sicherheit und können sich nicht auf die Auswirkungen vorbereiten. Es hat immer wieder Klimawandel auf diesem Planeten gegeben aber über Zehntausende von Jahren. Jetzt machen wir aber eine Periode, die sonst Zehntausend bis Dreißigtausend Jahre in Anspruch genommen hat, mal eben in knapp 200 Jahren. Und das ist – gelinde formuliert –  ein bisschen anstrengend. Der Klimawandel ist da und wir werden große Anstrengungen unternehmen müssen, um ihn zu reduzieren.